Die Äthiopier im Altertum – Kleidung, Gesellschaft und kulturelle Entwicklung

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Karl Richard Lepsius, Public domain, via Wikimedia Commons



Die Äthiopier und die Völker des Südens


Für die Äthiopier im Altertum, Kleidung und Kultur zu erforschen, bedeutet einen Blick auf die Ländereien südlich des ägyptischen Reiches zu werfen, die von den Griechen unter dem Namen Äthiopien zusammengefasst wurden. Durch jahrhundertelange – teils friedliche, teils kriegerische – Kontakte und eine tiefe Stammverwandtschaft bildete sich zwischen den Ägyptern und Äthiopiern eine große Ähnlichkeit in Sitten, Gebräuchen und Kleidung heraus. Die Äthiopier waren dabei kein primär selbstschöpferisches Kulturvolk; ihre Stärke lag vielmehr darin, die Errungenschaften Ägyptens sowie Vorderasiens aufzugreifen und im Zuge ihrer weitreichenden Handelsverbindungen mit eigenen Akzenten zu adaptieren. Nach dem Niedergang Ägyptens infolge des Todes von Ramses III. übernahmen die äthiopischen Könige sogar zeitweise den pharaonischen Thron.


Die alltägliche Mode und die Evolution der Gewänder


In der Frühzeit des Reiches war die Alltagskleidung der Äthiopier denkbar einfach und für Männer und Frauen gleichermaßen vom rauen Klima geprägt: Sie bestand aus einem schlichten Schurz aus Wolle oder Leder, kombiniert mit einer wollenen Decke oder einem Tierfell, das wie ein Mantel schützend um die Schultern gelegt wurde.
Mit dem steigenden Wohlstand und dem wachsenden Einfluss Ägyptens wandelte sich die Tracht grundlegend. Der einfache Schurz der Männer wurde nun nach ägyptischem Vorbild in zierliche Falten gelegt. Wohlhabendere Männer trugen zudem eine enge Jacke mit Ärmeln, die über den Kopf gezogen und an den Lenden fixiert wurde.


Die Kunst des asymmetrischen Faltengewands


Im weiteren Verlauf des Reiches etablierte sich für beide Geschlechter eine neue Drapierungsmethode, bei der man den einfachen Schurz zugunsten eines langen, blickdichten Gewandes ablegte:
Der Schnitt: Das Gewand wurde aus einem großen, viereckigen Tuch gefertigt. Es bestand aus zwei Stücken, die an den Seiten und über den Achseln zusammengenäht wurden, wobei präzise Öffnungen für Kopf und Arme frei blieben.
Die Drapierung: Das vordere Teil wurde bewusst länger als das hintere Teil zugeschnitten. Beim Anlegen zog man diesen vorderen Stoff so hoch, dass der Rock den Körper von der Brust bis zu den Füßen in eleganten, schrägen Falten umschloss. Gehalten wurde diese Konstruktion durch Achselbänder und einen Lendengürtel.
Das Prachtkleid: In einer aufwendigeren Variante wurde dieses Gewand aus gemusterten Stoffen gefertigt, reichte bis direkt an den Hals und besaß lange, enge Ärmel. Eine mit Troddeln verzierte Borte bildete den unteren Saum und verdeckte geschickt die Hilfsmittel, mit denen die kunstvoll hochgerafften Falten fixiert waren. Ein kragenartiger Umwurf, der auf der Brust mit der Borte verbunden wurde, vollendete das Ensemble.
Während dieses Wickelgewand bei den Männern im Alltag Einzug hielt, blieb es bei den Frauen in seiner elastischen, figurbetonten Form – gehalten von Achselbändern und von der Brust bis zu den Knöcheln reichend – über die gesamte Dauer des Reiches das traditionelle Zeremonienkleid der Priesterinnen.


Das nationale Prunkstück: Die äthiopische Schärpe


Das absolut charakteristische Alleinstellungsmerkmal der äthiopischen Mode war eine spezielle Prunkschärpe. Sie war etwa eine Spanne breit, mannslang und überreich mit bunten Stickereien verziert. Man legte sie so kunstvoll um Brust und Hüften, dass ihre Enden bis auf die Füße hinabfielen. Begünstigt durch den immensen Reichtum des Landes an Gold, Elfenbein, Edelsteinen und farbschimmernden Vogelfedern entwickelten die wohlhabenden Stände eine ausgeprägte Putzsucht, die sich besonders in der Ausgestaltung dieser Schärpen und der übrigen Accessoires zeigte.

Das absolut charakteristische Alleinstellungsmerkmal der äthiopischen Mode war eine spezielle Prunkschärpe. Sie war etwa eine Spanne breit, mannslang und überreich mit bunten Stickereien verziert. Man legte sie so kunstvoll um Brust und Hüften, dass ihre Enden bis auf die Füße hinabfielen. Begünstigt durch den immensen Reichtum des Landes an Gold, Elfenbein, Edelsteinen und farbschimmernden Vogelfedern entwickelten die wohlhabenden Stände eine ausgeprägte Putzsucht, die sich besonders in der Ausgestaltung dieser Schärpen und der übrigen Accessoires zeigte.
Als einfache Kopfbedeckung diente den Äthiopiern eine spitze Kappe, die aus Binsen geflochten und mit Federn geschmückt wurde. Männer von höherem Stand bevorzugten hingegen die eng anliegende, mit bunten Mustern verzierte Kappe nach ägyptischem Vorbild.
Die Fußbekleidung der vornehmen Männer war von erheblichem Luxus geprägt. Sie trugen breite Sandalen, deren Fersenteile und Spannbänder reich ornamentiert und mit goldenen Hafteln (Schmuckklammern) sowie dekorativen Quasten verziert waren.


Die äthiopische Kosmetik und die Haartracht der Frauen


Während die Frauen der Oberschicht ihren Kopf mit einer Haube oder einem Haarsack bedeckten, investierten die Edelfrauen viel Zeit in eine markante Körperpflege: Sie ließen ihre Fingernägel zu langen, auffälligen Krallen heranwachsen und färbten diese orangegelb. Die Augenwimpern wurden mit dunklen Pasten tiefschwarz betont.


Der Luxus der Oberschicht: Schmuck und Beinspangen


Der Schmuck der Äthiopier war massiv und farbenprächtig. Beliebt waren breite Ringe aus Gold und Schmelz (Emaille), die den Vorderarm röhrenartig umschlossen. Ähnlich breite Ringe wurden an den Oberarmen, Hand- und Fußgelenken getragen. Ein markantes Modestück war ein spezieller Ring, der meist am Mittelfinger getragen wurde: Er besaß eine wuchtige Platte aus blau glasiertem Steingut, die so breit dimensioniert war, dass sie oft den halben Handrücken verdeckte. Eine absolute Besonderheit der äthiopischen Schmuckkultur, die man in Nachbarländern kaum fand, waren zudem die aufwendig gearbeiteten Beinspangen.
Die Damen der Gesellschaft schmückten ihren Hals mit langen Schnüren aus Korallen und echten Perlen. Die Brust wurde zusätzlich von kunstvollen Netzen aus bunten Schnüren und herabhängenden Troddeln bedeckt.


Die Hoftracht der Könige und Königinnen


Die Hoftracht der äthiopischen Herrscher war ein faszinierendes Amalgam des gesamten Orients; sie setzte sich aus ägyptischen, assyrischen und arabischen Elementen zusammen:
Von den Ägyptern stammten der breite, farbige Halskragen, der Stirnreif mit der schützenden Uräusschlange sowie der symbolische Kopfputz der Pharaonen samt dem pfeilartigen Zepter und dem gehärteten Kreuz (Anch).
Von den Arabern entlehnte man das Prinzip des weiten Wickelgewandes.
Von den Assyrern stammte die markante Troddelschärpe.


Die königliche Prankschärpe und der Zeremonienschurz


Diese königliche Schärpe bestand aus einem handbreiten, kostbar bestickten Band, dessen unterer Saum mit dicken, etwa zwei Spannen langen Quasten sowie zusätzlichen Befestigungsschnüren versehen war. Sie wurde quer über Brust und Rücken angelegt, sodass sie von einer Schulter zur gegenüberliegenden Lende verlief und eine Seite der Brust königlich unbedeckt ließ. Sowohl Könige als auch Königinnen trugen diese Schärpe auf dem nackten Oberkörper; bei feierlichen Anlässen wurden sogar zwei Schärpen kreuzweise übereinander angelegt.
Der Schurz blieb das sakrale Zeremonienkleid der Könige und Priester. Er war reich mit Borten und Ornamenten verziert und wurde durch einen Prachtgürtel sowie mehrere mit Quasten behängte Schnüre um die Hüften gesichert. Die Könige trugen den Schurz stets in Kombination mit der bereits erwähnten, reich bestickten Jacke.
Nach dem Vorbild ägyptischer Götterbilder wurde oft ein Doppelschurz angelegt: Ein halbkreisförmig zugeschnittener, zierlich bemalter Oberschurz wurde so von hinten nach vorne geschlagen, dass der schmale, quergestreifte Unterschurz an den Seiten noch prachtvoll hervorlugte.


Das Militärwesen und die Rüstung des Königs


Zog der äthiopische König in die Schlacht, legte er seine textile Prachtracht ab und kleidete sich in einen schweren Panzerrock aus dachziegelartig angeordneten Schuppen. Diese Schuppenpanzer wurden traditionell aus Mittelasien bezogen. Die spezifisch äthiopische Variante zeichnete sich jedoch durch Ärmel aus, die bis zum Handgelenk reichten. An den Gelenken wechselten die Schuppenreihen ab mit bunt bestickten Stoffbändern.
Als Waffen führten sowohl der König als auch die Königin im Kampf eine schwere Keule und einen Speer mit sich. Im Gürtel steckte ein Dolchmesser in einer reich ornamentierten Scheide sowie ein Schwert, das mit einer breiten Parierstange ausgestattet war. Zudem führten sie einen mächtigen Bogen; zum Schutz des Handgelenks gegen den harten Schlag der zurückschnellenden Sehne war der Unterarm mit breiten Schutzscheiben umschlungen.


Die Ausrüstung der Krieger und der Einsatz von Elefanten


Die gewöhnlichen äthiopischen Krieger waren einfacher, aber effektiv ausgerüstet:
Schilde: Große, rauten- oder rechteckige Schilde, die mit der extrem widerstandsfähigen Haut des Nilpferdes bespannt waren.
Waffen: Lange Speere, Dolche, große Bögen aus elastischem Palmenholz, erzbeschlagene Keulen sowie Schilfrohrpfeile, die mit geschärften Steinspitzen versehen waren.
Die Kriegswagen und deren gesamte Ausrüstung entsprachen exakt dem ägyptischen Vorbild. Allerdings besaßen die Äthiopier nicht dasselbe Geschick im Umgang mit Pferden wie ihre nördlichen Nachbarn. Bei festlichen Aufzügen und Paraden wurden die Pferde daher oft gegen gutmütige Ochsen ausgewechselt. Zum tatsächlichen Reiten und für Transporte im Gelände bediente man sich der Elefanten.


Die Pracht der Priesterschaft und der Totenkult


Die äthiopische Priesterschaft stand dem Herrscherhaus in Sachen modischer Pracht in nichts nach; ihre Gewandung war oft sogar noch glänzender und farbenprächtiger.
Über einem fein gefältelten oder zierlich bemalten halbkreisförmigen Schurz trugen die Priester ein enges Schuppenkleid aus Leinen. Dieser Schuppenpanzer umschloss den Körper fest von den Achselhöhlen beziehungsweise der Herzgrube bis hinab auf die Lenden. Er war anatomisch exakt der Körperform angepasst, wurde im Rücken stabil mit Haken und Ösen geschlossen und an der Vorderseite über breite Doppelriemen mit dem farbenfrohen Halskragen verbunden.


Der äthiopische Totenkult


Ein eklatanter Unterschied zu Ägypten zeigte sich im Umgang mit den Verstorbenen. Den Äthiopiern fehlte die Praxis der klassischen Mumifizierung völlig. Archäologische und historische Berichte legen nahe, dass sie die Leichen stattdessen vollständig austrocknen ließen, sie anschließend mit einer Gipsschicht überzogen und diese lebensecht bemalt. Die so konservierten Körper wurden in durchsichtigen Behältern direkt im eigenen Wohnhaus aufbewahrt, um den Ahnen nahe zu bleiben.


Das Land der Nahesu (Das Negerland)


Südlich des äthiopischen Kernlandes erstreckten sich die Gebiete der Nahesu – eine ägyptische Gesamtbezeichnung für die verschiedenen indigenen afrikanischen Stämme. Anthropologisch unterschied man hierbei zwischen den äthiopischen Stämmen, deren dunkle Haut einen charakteristischen rotbraunen Untergrund aufwies, und den Stämmen mit blauschwarzer Haut, wulstigen Lippen und flachen Nasen


Die Tracht der Stämme


Die Kleidungsweise der Nahesu war stark stammesspezifisch und reichte von minimalistischer Naturkleidung bis hin zu feiner Drapierung:
Die Männer: In den einfacheren Stämmen gingen die Männer fast vollständig nackt. Ihre Tracht beschränkte sich auf einen Lendenschurz aus Tiger- oder Leopardenfell und eine enge, hochgebündelte Kappe aus Binsen.
Die Frauen: Die Frauen trugen einen langen Rock aus festen Stoffen, der von den Lenden bis zu den Knöcheln reichte und fest um den Unterkörper gewickelt wurde. Als gemeinsamer Schmuck für beide Geschlechter dienten dicke, schwere Ringe an den Ohren und Armen.
Die Oberschicht: Wohlhabendere Stammesmitglieder kombinierten diese Basistracht mit kunstvoll verzierten, breiten Schulterkragen und reich geschmückten Lendenschurzen, die sie stolz über ihren Gewändern anlegten.


Die Mode der nubischen Fürsten


Die nubischen Stämme von höherem Stand hoben sich durch den Einsatz luxuriöser Textilien ab. Die vornehmen Nubier trugen fließende Gewänder aus hauchdünnen, durchsichtigen Stoffen, die den gesamten Unterkörper bedeckten, kombiniert mit der großen äthiopischen Prunkschärpe.
Die nubischen Fürsten trieben diesen textilen Luxus auf die Spitze: Sie kleideten sich in monumentale, extrem weit geschnittene Gewänder aus transparentem Stoff, die vom Hals bis zu den Füßen reichten. Fixiert wurde diese enorme Stofffülle auf den Hüften durch einen grellfarbigen Schurz und die typisch äthiopische Lendenbinde. Ein runder, farbintensiver Halskragen, eine eng anliegende Kappe sowie kostbare Korallenschnüre, die dekorativ am Gürtel befestigt waren, schlossen die fürstliche Tracht ab.


Die nubische Haarsalbung


Eine besondere Eigentümlichkeit der Nubier lag in ihrer Haartracht. Sie flochten ihr natürliches Haar in unzählige kurze, dichte Strähnen, die vom Scheitel aus den gesamten Schädel bedeckten und optisch exakt wie eine monumentale, dicke Perücke wirkten. Um der Frisur Halt und Glanz zu verleihen, wurde das Haar anschließend mit reichlichen Portionen von reinem Hammelfett gesalbt. Wenn das Fett im Haar erstarrte, verlieh es der gesamten Pracht ein charakteristisches, gesprenkeltes Aussehen.

Hinweis zu den historischen Hintergründen: Die Fakten und Literaturquellen zu meinen Beiträgen findest du zentral auf der:

Fazit




Die äthiopische Kleidung zeigt eine deutliche Verbindung zur ägyptischen Tracht, entwickelte jedoch im Laufe der Zeit eigene charakteristische Formen. Besonders in der Oberschicht führte der Einfluss fremder Kulturen zu einer zunehmenden Prachtentfaltung und stilistischen Veränderung der Gewandung.

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