Symbolik der Bekleidung der Goetter im alten Ägypten, Kronen Attribute und Religiöse Bedeutung


Die Symbolik göttlicher Gewänder und Insignien


Die Bekleidung der Götter im alten Ägypten war reine, hochkomplexe Metaphysik: Während in der weltlichen Mode funktionale Aspekte wie Hitze- und Sonnenschutz eine Rolle spielten, transportierten die Gewänder, Kronen und Abzeichen der Gottheiten eine tiefgründige theologische Aussage. Jedes textile Detail, jede Farbe und jedes Accessoire war ein symbolischer Schlüssel zu ihrer göttlichen Macht und kosmischen Funktion.
Diese sakrale Bildsprache war so mächtig, dass sie fließend auf die irdischen Herrscher übertragen wurde: Der Pharao trat in Ritualen regelmäßig in der exakten Gewandung eines Gottes auf, während umgekehrt die Götter und Göttinnen als kosmische Herrscher die Kronen von Ober- und Unterägypten trugen. Sogar die Form der Bärte war streng kodifiziert und verriet sofort, ob es sich um einen Sterblichen, einen König oder ein unsterbliches Wesen handelte.
Die Erforschung dieser vielschichtigen Gewandung stützt sich bis heute auf zwei fundamentale Standardwerke des 19. und frühen 20. Jahrhunderts:
Manners and Customs of the Ancient Egyptians von Sir J. Gardner Wilkinson (Ausgabe 1878)
The Gods of the Egyptians von Sir E. A. Wallis Budge (1904)
Beide Forscher wiesen nach, dass die Darstellungen der Götterkleidung weniger Modetrends abbilden, sondern vielmehr als visuelle Lehrbücher der ägyptischen Mythologie zu verstehen sind.

König + Göttin Mentuhotep II + Hathor, der König wird hier mit der hohen weißen Krone dargestellt.


Quelle: The Metropolitan Museum of Art, New York – Open Access (Public Domain


Das rituelle Gewand des Amun-Ra in Abu Simbel


Eine berühmte Wanddarstellung im nubischen Abu Simbel illustriert diesen symbolischen Reichtum par excellence. Sie zeigt den Reichsgott Amun-Ra bei einer der wichtigsten Legitimationshandlungen des Königtums: der Übergabe des Chepesch (des sichelförmigen Kriegsmessers) an Pharao Ramses II.
Der Gott ist in ein Prachtgewand gehüllt, das göttliche Macht in Form von Farben und Strukturen materialisiert:
Der Brustpanzer: Gehalten von breiten Schulterbändern, weist er ein markantes Schuppenmuster auf. Nach dem Ägyptologen Flinders Petrie ist dies ein stilisiertes Federkleid, das die Sphäre des Himmelsgottes symbolisiert.
Der Halsschmuck: Ein monumentaler, runder Halskragen, der überreich mit kostbaren Edelsteinen und Perlen besetzt ist.
Die Insignien: In der einen Hand führt Amun-Ra das Was-Zepter (das Symbol für Macht und Wohlergehen), in der anderen das Chepesch-Messer.
Die Farbcodierung: Seine flache Kopfkappe ist in rituellem Rot gehalten, die Hauptpartien erstrahlen in sakralem Blau. Der Brustpanzer und der Schurz glänzen in reinem Gold, durchwebt von roten und grünen Ornamenten. Die beiden monumentalen Federn auf seinem Haupt, von denen ein langes Band bis zum Boden herabfällt, erstrahlen in den Lebensfarben Rot und Grün.


Die kosmischen Kronen des Osiris und der Göttinnen


Besonders die Kopfbedeckungen der Götter waren Meisterwerke der rituellen Drapierung und Kombination. Das prominenteste Beispiel ist die Atef-Krone des Unterweltgottes Osiris. Sie basiert im Kern auf der weißen, kegelförmigen Krone Oberägyptens, wird jedoch an den Seiten von zwei mächtigen Straußenfedern flankiert.



Die Variationen der Atef-Krone


Im Laufe der Dynastien wurde dieser Kronenaufbau immer opulenter variiert, wie uns Darstellungen aus dem Tempel von Beit el-Wali zeigen:

Die solare Atef-Krone: Hier wird die weiße Krone samt Federn durch eine rot-goldene Sonnenscheibe und seitliche Hörner erweitert. Von den Hörnern und den Federn hängen paarweise goldene Uräusschlangen herab, die den Träger vor dem Bösen schützen.
Das Chaker-Ornament: Bei einer weiteren Variante befindet sich zwischen den Straußenfedern ein schilfartiges Gebilde – das Chaker-Ornament. Es stellt die zusammengebundenen Wedel einer blühenden Papyrusstaude dar, die als Symbol der Ur-Schöpfung direkt auf der Sonnenscheibe fixiert sind.
Die dreifache Atef-Krone: Die extremste Steigerung des sakralen Kopfputzes. Über dem Haupt ragen zwei echte Ziegenhörner empor, auf denen eine monumentale Dreiergruppe von Sonnenscheiben thront. Flankiert von den typischen Federn und umwunden von einem Schlangenpaar, stellt diese Krone die absolute Verdichtung göttlicher Allmacht dar.


Das Chat-Kopftuch



Als bewusster modischer Gegenpol zu diesen schweren, ornamentierten Kronen existierte das Chat (oder Khat). Dabei handelte es sich um ein schlichtes, gestreiftes Leinentuch, das flach auf den Kopf gelegt, hinter den Ohren vorbeigeführt und im Nacken zu einem zopfartigen Abschluss zusammengebunden wurde.
Dieses Symbol ist bereits aus dem Alten Reich bekannt, blieb bis in die Spätzeit (ab 525 v. Chr.) ein wichtiges Herrschaftszeichen und ist unter anderem auf dem berühmten goldenen Sarkophag des Tutanchamun sowie auf königlichen Statuen im Museum von Kairo verewigt.


Die Gewandung der Göttinnen und der göttliche Einfluss auf die Königinnen



Die Frauen kleideten sich mit dem ägyptischen Rock aus elastischen Stoffen, dieser reichte von der Brust bis zu den Knöcheln und wurde durch Achselbänder gehalten. Dieses symbolisch ausgestattete Kleid blieb während der Dauer des äthiopischen Reiches das Ceremonienkleid der Priesterinnen. Am Anfang des Reiches bedienten sich die Frauen dieser Drapierungsmethode, indem sie zwei Teile zuschnitten, wobei das vordere Teil länger war als das hintere. Dieses wurde so hochgezogen, dass es vorne schräge Falten warf und so die Körperformen umschloß. Die Kopfbedeckung der Frauen bestand aus einem Haarsack und Haube. Die Edelfrauen ließen ihre Fingernägel zu langen Krallen wachsen, färbten sie orangegelb, die Augenwimpern schwarz. Sie trugen um den Hals Schnüre von Korallen und Perlen, die Brust wurde von Netzen aus bunten Schnüren und Troddeln bedeckt.
Ebenso wie die Pharaonen die Attribute der männlichen Götter übernahmen, spiegelten die Königinnen des Neuen Reiches das optische Erscheinungsbild der beliebtesten Göttinnen wider. Die ikonische Falkenhaube der Isis sowie die charakteristischen Kuhhörner, die eine leuchtende Sonnenscheibe einschließen, was die Insignien der Hathor waren, wurden Eins zu Eins in die Hoftracht der ägyptischen Königinnen integriert. Die typische Silhouette einer Göttin basierte meist auf einer extrem eng anliegenden, knöchellangen Tunika, die die weiblichen Konturen stark betonte, gepaart mit den klassischen Attributen des Lebens und der Fruchtbarkeit.
Die Göttin Isis trug eine Falkenhaube oder Thronsitz-Hieroglyphe, hielt das Anch-Zeichen sowie ein Papyrus-Zepter in den Händen und verkörperte mütterlichen Schutz und Magie. Bei der Göttin Hathor sah man Kuhhörner mit einer Sonnenscheibe, sie führte ein Sistrum als Rassel sowie eine Menat-Halskette mit sich, was symbolisch für Liebe, Schönheit und Musik stand. Das Beispiel der Göttin Anuket, die auch als Anonkis bekannt war und deren Verehrung im Niltal bereits seit der zwölften Dynastie fest nachgewiesen ist, zeigt zudem den interkulturellen Austausch: Ihr auffälliger, hoher Federkranz verweist laut Gardner-Wilkinson auf eine ursprüngliche, fremde Herkunft aus den südlichen Regionen außerhalb des Kernlandes. Dennoch trug auch sie, als Göttin des Nilkatarakts, in den Tempelreliefs ganz traditionell das Anch-Zeichen und ein Blumenzepter als gehaltene Insignien in den Händen.

Hinweis zu den historischen Hintergründen: Die Fakten und Literaturquellen zu meinen Beiträgen findest du zentral auf der:
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