Kalasiris im Alten Ägypten – Das klassische Kleid der Frauen

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mutbenret-Princesses.jpg
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mutbenret-Princesses.jpg
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/7/7d/Mutbenret-Princesses.jpg
Lepsius, Public domain, via Wikimedia Commons


Die Amarna-Kalasiris: Luxus-Cape statt Schlauchkleid


Ein faszinierender Blick auf die Kalasiris im Alten Ägypten wird in einer besonderen Variante durch ein berühmtes historisches Relief möglich: Diese Darstellung aus der revolutionären Amarna-Zeit (18. Dynastie) zeigt Mutbenret, die Schwester der Königin Nofretete, hinter den drei ältesten Königstöchtern Meritaton, Meketaton und Anchesenpaaton. An dieser Abbildung wird ein Geheimnis der altägyptischen Plissee-Technik sichtbar: Es handelt sich hierbei nicht um die klassische, eng vernähte Schlauch-Kalasiris, sondern um ein hochluxuriöses Wickel-Cape.
Ein langes, hauchdünnes Stück plissierten Byssus-Leinens wurde wie ein Umhang von hinten über die Schultern gelegt, sodass es den Rücken vollständig bis zum Boden bedeckte. Die beiden vorderen Stoffbahnen wurden über die Brust geführt und exakt unterhalb der Brust miteinander verknotet. Durch den extremen Zug an diesem zentralen Knotenpunkt raffte sich der Stoff zusammen und klaffte unterhalb des Knotens nach links und rechts weit auseinander. Dadurch blieb der gesamte vordere Unterkörper unbedeckt – eine im Amarna-Stil bewusste Darstellung der jugendlichen und göttlichen Nacktheit der Prinzessinnen, bei der das plissierte Gewebe den Körper wie ein skulpturaler Rahmen umfloss.


Das bevorzugte Kleidungsstück der Frauen im Alten Ägypten: Die Kalasiris


Wenn wir die Kleidungsgeschichte des Alten Ägyptens betrachten, stößt man auf eine faszinierende Kontinuität: Das bevorzugte Gewand der Frauen veränderte sich von den frühen Dynastien des Alten Reiches bis hin zur Spätzeit des Neuen Reiches optisch kaum. Es ist ein bemerkenswertes Zeugnis altägyptischer Mode, das über Jahrtausende hinweg und durch alle Gesellschaftsschichten hinweg getragen wurde. Wie tief dieses Gewand in der Mythologie verwurzelt war, zeigen uns historische Darstellungen von Göttinnen wie Mut oder Isis. Sie tragen diese edlen Tuniken oft in Kombination mit kunstvollen, symbolträchtigen Kopfbedeckungen – wie dem Pschent, der Doppelkrone Ober- und Unterägyptens –, während sie das charakteristische Blumenzepter und das Anch-Zeichen in den Händen halten. Die feinen Malereien auf den Stoffen griffen dabei nicht selten die Motive der königlichen Symbole wieder auf.


Die Techniken der Drapierung und Perspektive


Um die Raffinesse dieser Mode zu verstehen, müssen wir uns den verschiedenen Methoden zuwenden, wie diese Robe kunstvoll um den Körper drapiert wurde. Die Ägypter entwickelten hierbei einen ganz eigenen Blick für den Fall des Stoffes. Vergleicht man dies beispielsweise mit der persischen Trageweise desselben Gewandes, zeigt sich ein völlig anderer ästhetischer Ansatz: Während man in Persien eine gänzlich andere Wirkung anstrebte, lag das Geheimnis in Ägypten im Spiel mit offenen und geschlossenen Bahnen.
Historische Zeugnisse, wie die berühmten Abbildungen des Schreibers Ani aus dem Totenbuch um 1450 v. Chr., zeigen uns eine besonders charakteristische Art der Drapierung. Manchmal wurden die Ränder der Robe an den Seiten fest zusammengenäht, sodass lediglich feine Öffnungen für die Hände verblieben. In anderen Epochen hingegen blieb das Gewand an den Seiten vollkommen offen, was den Frauen einen wunderbaren Spielraum für die Gestaltung gab. Für die Darstellung dieser Stofffalten fehlte den altägyptischen Künstlern oft die räumliche Perspektive, weshalb sie die Roben auf Reliefs und Malereien häufig so zeichneten, als besäßen sie einen Ärmel und eine offene Seite – ein stilistischer Kniff, der uns heute bei der Rekonstruktion genaues Hinsehen abverlangt.


Geometrische Wickelvarianten und Schärpen


Eine dieser offenen Drapierungsvarianten fasziniert durch ihre Geometrie: Hierbei wird die vordere Hälfte des Stoffes ergriffen und flach auf der Rückseite an der Taille festgesteckt. Die hintere Stoffhälfte wird anschließend nach vorne gezogen und mit einer breiten, opulenten Schärpe gegürtet, die ein stattliches Maß von etwa 80 mal 300 Zentimetern besitzt. Das Anlegen dieser Schärpe gleicht fast einem ritualisierten Ablauf. Man beginnt an der rechten Taillenseite, führt das Band elegant nach unten zur Linken und legt es auf der Rückseite um die Hüften. Von dort aus leitet man den Stoff auf der Vorderseite von rechts nach links diagonal nach oben, führt ihn erneut im Rücken um die Hüften und wiederholt diese ansteigende Bewegung ein weiteres Mal, bis das verbleibende Ende der Schärpe auf der Vorderseite sicher in den Bund gesteckt werden kann.
Dass diese Kunst des Wickelns nicht die einzige Möglichkeit war, beweisen plastische Skulpturen, die bis auf das Jahr 2500 v. Chr. zurückgehen, sowie Darstellungen von Priestern und religiösen Würdenträgern aus der Zeit um 1300 v. Chr. In diesen Fällen wurde auf Gürtel oder Schärpen gänzlich verzichtet. Stattdessen steckte man die Vorderseite des Gewandes zunächst im Rücken an der Taille fest, zog danach das Rückenteil nach vorne, nahm es schwungvoll auf und steckte es auf der Vorderseite in den entstandenen Bund. Eine weitere, fast verspielte Variante dieser Technik beließ die vordere Hälfte auf der Vorderseite ganz voll und bauschig. Die hintere Hälfte wurde dann – statt von einer Schärpe gehalten zu werden – weit nach vorne herumgezogen. Die oberen Stoffkanten band man schließlich hoch oben, unmittelbar unterhalb der Brust, zu einem markanten Knoten zusammen.


Die Drapierung des Umhangs und des Rocks


Neben diesen Roben spielte der Umhang eine wesentliche Rolle, dessen Grundform stets ein einfaches Rechteck bildete. In seiner klassischen Variante wurde er schlicht über die Schultern gelegt und an den vorderen Ecken befestigt. Bei der Drapierung, wie sie etwa von Königin Amon-mai getragen wurde, zeigt sich jedoch eine weitaus raffiniertere Lösung. Um diesen rechteckigen Umhang in Form zu bringen, ergreift man die beiden äußeren oberen Ecken, die wir uns als die Punkte a und e vorstellen können. Nun verdreht man den Stoff von diesen Ecken aus so lange kunstvoll in sich selbst, bis die oberen Stoffpartien – also die gedachten Dreiecke zwischen den Punkten a-b-c auf der einen und d-e-f auf der anderen Seite – jeweils die Form einer festen, gedrehten Kordel annehmen. Diese Kordelenden werden sodann im Brustbereich miteinander verknotet.
Auch der darunter getragene Rock basierte auf einer einfachen, rechteckigen Stoffbahn, die entlang der kürzeren Seiten zusammengenäht war. Auf Taillenhöhe zog man ein schmales Raffband durch den Stoff, das festgezogen und um die Taille verknotet wurde. Darüber legte man einen schmalen, etwa 250 Zentimeter langen Gürtel, der zweimal um den Körper geschlungen wurde, sodass seine langen Enden auf der Vorderseite elegant herabfielen und die Bewegung der Trägerin unterstrichen. Dieser lange Gürtel übernahm oft die tragende Funktion, um das gesamte Gewand zu fixieren, wenn man auf das Verknoten der Stoffkanten verzichten wollte.


Die moderne Knotentechnik der späten Epochen


In den späten Epochen des Neuen Reiches wandelte sich diese Technik noch einmal auf eine Weise, die uns überraschend modern vorkommt. Das Taillenband verschwand bei diesem ähnlich geschnittenen Rock gänzlich. Stattdessen ergriff man zwei Stellen des oberen Rocksaums, die sich in einem Abstand von etwa einem halben Meter zueinander befanden, direkt mit den Händen und verdrillte den Stoff fest in sich. Einen dieser so entstandenen Stoffstränge kreuzte man über den anderen und steckte ihn ein, während der zweite Strang nach oben gezogen wurde, sodass eine markante, dekorative Schlaufe entstand. Es ist eine zeitlose Technik des Kleidens, die die Jahrtausende überdauert hat und in ganz ähnlicher Form noch heute beim traditionellen Sarong in Burma zu finden ist.
Dass diese Stücke auch miteinander kombiniert wurden, zeigen uns Darstellungen von Ägypterinnen aus der Zeit um 1450 v. Chr. Hier verbindet sich der Rock mit einem langen, rechteckigen Umhang zu einer harmonischen Einheit. Der obere Saum des Rocks wurde zunächst mit den Händen gerafft und im Zuge der ersten Phase des Knotenbindens überkreuzt. Im selben Moment legte man die beiden Ecken des Umhangs darüber und vollendete den Knoten. Auf diese Weise entstand eine feste, kunstvolle Verbindung, die den Umhang sicher fixierte und der Trägerin gleichzeitig Stolz und Eleganz verlieh.

Hinweis zu den historischen Hintergründen: Die Fakten und Literaturquellen zu meinen Beiträgen findest du zentral auf der
Blog-Übersichtsseite


Die „Exklusive Einladung“
Werde Teil unserer textilen Zeitreise
Hinter jedem meiner Artikel stecken Wochen der Recherche und der Jagd nach den besten historischen Abbildungen. Weil Qualität Zeit braucht, gibt es bei mir keinen starren Redaktionsplan.
Wenn du zu den Ersten gehören möchtest, die erfahren, wohin die Reise als Nächstes geht (und welche kleineren Nationen wir als Nächstes entdecken), trage dich hier ein!

Name
Views: 3

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen