Sari im Kulturvergleich – Drapierungen nach Mary Houston und ihre Bedeutung


Bild einer perfekten Raffung und Drapierung in Stein gemeißelt

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Rudolphous, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons


Das Gewand des Neuen Reiches: Der Schal- und Sari-Typus

Ein faszinierender Sari im Kulturvergleich zeigt sich beim Gewand des Neuen Reiches: Dieses besondere Kleidungsstück des Schal- und Sari-Typus lässt sich am besten als ein Vorläufer der modernen indischen Frauentracht begreifen. Seine großzügigen Maße, die fließende Form und die Art der Drapierung nach Mary Houston sind mit dem traditionellen Sari nahezu identisch. Im Alten Ägypten war dieses Gewand im Wesentlichen den Frauen vorbehalten und entwickelte sich zu einem der charakteristischsten Modestücke des Neuen Reiches. Seine Herkunft weist dabei unmissverständlich in den Orient: Es tauchte in der ägyptischen Tracht erst nach der Invasion der Hyksos auf, als asiatische Einflüsse die traditionelle Kleidungskultur nachhaltig inspirierten.


Die klassische Drapierung des Sari-Gewandes


Der erstaunliche Einfallsreichtum, der sich in der Drapierung dieser Gewänder offenbart, lässt sich am besten ermessen, wenn man die Stoffbahnen Schritt für Schritt an einer Schneiderpuppe anlegt. Für diese erste, klassische Variante des ägyptischen Saris benötigt man eine Stoffbahn mit einem stattlichen Maß von etwa 410 Zentimetern Länge und 114 Zentimetern Breite.
Der Weg zum fertigen Gewand beginnt damit, dass eine schlichte Kordel fest um die Taille der Puppe gebunden wird. Nun nimmt man die Stoffecke b auf der linken Taillenseite und steckt sie unter diese Kordel. Von dort aus führt man die gesamte Stoffkante b um den Rücken herum, leitet sie über die rechte Seite weiter und bringt sie wieder nach vorne. Um dem Gewand sein typisches Volumen zu verleihen, rafft man nun einen Teil des Stoffes in feine Falten und stecken diese mittig auf der Vorderseite unter die Taillenkordel.
Anschließend wird die verbleibende Stoffbahn erneut um den Rücken herum zur rechten Seite geleitet. Hier fasst man das gesamte noch herabhängende Tuch locker zusammen und wirft es von der rechten Taillenseite aus nach oben, führt es unter der linken Achselhöhle hindurch, zieht es weiter um den Rücken herum und legt es über die rechte Schulter nach vorne. Der nun noch verbleibende Teil des Gewandes wird quer über die Brust geworfen und nach hinten über die linke Schulter gelegt.
Zum Schluss ergreift man die Ecke a, führt sie unter der rechten Achselhöhle hindurch nach vorne und löst die Ecke b, die zu Beginn unter die Kordel gesteckt wurde. Diese beiden Ecken – a und b – werden nun fest miteinander verknotet. Wenn alles richtig liegt, hängt die Ecke c im Rücken der Puppe herab, während die Ecke d am unteren Saum auf der Höhe des linken Knöchels sichtbar wird.


Der Vergleich: Der moderne indische Sari


Wie zeitlos dieses Prinzip ist, zeigt der direkte Vergleich mit der modernen indischen Wickelweise. Ein solcher indischer Sari – der eine traditionelle Länge von etwa 5 bis 5,5 Metern bei einer Breite von knapp 100 Zentimetern besitzt – wird auf eine verblüffend ähnliche, aber im Detail leicht abgewandelte Weise angelegt. Diese Maße sind ideal auf eine Körpergröße von etwa 163 Zentimetern abgestimmt; für kleinere Personen sollte der Stoff entsprechend schmaler gewählt werden.
Auch hier bildet eine Taillenkordel das Fundament. Man nimmt die Ecke b und befestigt sie auf der rechten Taillenseite unter der Kordel. Danach führt man die Kante b–a quer über die Vorderseite der Taille, leitet sie um die linke Hüfte nach hinten, führt sie um den Rücken herum und bringt sie wieder zur rechten Seite. Genau wie beim ägyptischen Vorbild werden nun einige Falten aus dem Stoff gerafft und mittig an der Vorderseite unter die Kordel gesteckt.
Das verbleibende Tuch wird weiter um die Taille herum nach hinten und wieder zurück zur rechten Seite geführt. Von dort aus fasst man den restlichen Stoff zusammen, wirft ihn schwungvoll nach oben quer über die Brust und legt ihn über die linke Schulter. Während die Ecke c nun im Rücken herabhängt, führt man die Ecke a nach vorne zur Taille, legt sie elegant über den bereits drapierten Stoff zur linken Taillenseite und steckt sie dort sicher in das Taillenband.


Die strahlenförmige Variante der Spätzeit


Betrachtet man die Drapierungen, die die Ägypter in der Spätzeit des Neuen Reiches bevorzugten, fällt eine faszinierende gestalterische Besonderheit auf: Alle Falten scheinen so angelegt zu sein, dass sie strahlenförmig von einem einzigen Punkt ausgehen – meist von der rechten Taillenseite aus. Dies erzeugt eine ungemein reizvolle, dynamische Wirkung, wie sie uns auf alten Reliefs im British Museum begegnet.
Um diese strahlenförmige Variante nachzubilden, greift man auf dasselbe Stoffmaß von 410 mal 114 Zentimetern zurück. Man nimmt die Ecke a und hält sie vorne an der rechten Taillenseite fest. Nun führt man die Kante a–b um den Rücken herum, leitet sie an der linken Seite vorbei wieder nach vorne und steckt einige kunstvolle Falten in der vorderen Mitte fest. Der Stoff wird nun erneut um den Rücken herum zur linken Taillenseite geführt, unter dem linken Arm hindurch nach vorne gezogen und im Ganzen über die rechte Schulter geworfen. Schließlich leitet man die Oberkante des Gewandes um den Nacken herum, über die linke Schulter und abwärts quer über die Brust nach rechts. Dort wird die Ecke b mit der zu Beginn festgehaltenen Ecke a verknotet. Bei dieser Variante hängt die Ecke d im Rücken spitz zulaufend herab, während die Ecke c nahe dem rechten Knöchel den Abschluss bildet.


Die aufwendige Prachtdrapierung


Noch ein Stück anspruchsvoller und opulenter wird es bei einer Drapierungsform, die ein noch größeres Stoffstück von etwa 460 mal 114 Zentimetern erfordert. Diese Maße sind perfekt für eine Körpergröße von etwa 168 Zentimetern berechnet; ist die Trägerin oder die Puppe kleiner, sollte die Stoffbreite unbedingt unter den 114 Zentimetern liegen, damit das Gewand nicht staucht.
Nach dem Umbinden des Taillenbandes hält man die Ecke a vorne an der linken Taillenseite fest und wirft das gesamte restliche Gewand nach oben über die rechte Schulter nach hinten. Nun greift man die Ecke c, führt sie unter dem rechten Arm hindurch nach vorne und hält sie gemeinsam mit der Ecke a fest. Die Kante a–b, die noch über der rechten Schulter hängt, wird nun nach unten über den Rücken zur linken Taillenseite gezogen, um die Taille herum nach vorne geführt und an den Ecken a und c auf der linken vorderen Taillenseite festgesteckt.
Während man das Gewand weiter um die Vorderseite herumführt, legt man in der vorderen Mitte einige tiefe Falten und steckt diese fest in das Taillenband. Danach leitet man den Stoff um die rechte Taillenseite herum, führt ihn nach oben über den Rücken, legt ihn über die linke Schulter und lässt ihn nach unten über die Brust zur rechten Taillenseite fließen. Hier wird ein wunderbarer Akzent gesetzt: Man legt eine Stoffschlaufe dekorative über das linke Handgelenk. Um dieses komplexe Kunstwerk zu sichern, legt man nun einen Gürtel über die gesamte Drapierung und verknotet ihn auf der rechten Taillenseite. Die Ecken a und c liegen nun unsichtbar verborgen unter den Stoffschichten an der linken Taille, die Ecke b erscheint nahe der linken Hand und die Ecke d findet ihren Platz nahe dem linken Knöchel.


Das Meisterstück der Schlichtheit


Im völligen Gegensatz zu dieser barocken Fülle steht eine letzte Drapierung, die durch ihre bemerkenswerte Schlichtheit besticht. Sie benötigt lediglich ein bescheidenes Stoffmaß von etwa 210 mal 127 Zentimetern.
Um dieses minimalistische Gewand anzulegen, nimmt man die Ecke a und hält sie vorne rechts auf Taillenhöhe fest. Die Kante a–b wird nun um den Rücken herum zur linken Seite der Taille und flach quer über die Vorderseite der Taille geführt. Man leitet den Stoff ein weiteres Mal um die rechte Seite herum, führt ihn unter dem rechten Arm hindurch nach hinten und zieht ihn von dort aus nach oben über die linke Schulter. Zum Abschluss wird die Ecke a auf der Vorderseite ganz einfach mit der Ecke b fest verknotet. Die Ecke d hängt nun elegant von der linken Hand herab, während sich c nahe dem rechten Knöchel befindet – ein schnörkelloses, elegantes Gewand, das mit wenigen Handgriffen perfekt sitzt.

Hinweis zu den historischen Hintergründen: Die Fakten und Literaturquellen zu meinen Beiträgen findest du zentral auf der:
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