Der Schurz im alten Ägypten Entwicklung, Formen und Trageweise


Die alltägliche und feierliche Männerkleidung


http://www.metmuseum.org/Collections/search-the-collections/544640

Quelle: The Metropolitan Museum of Art, New York – Open Access (Public Domain



Die Männerkleidung im Alten Ägypten folgte über die Jahrtausende hinweg einem gemeinsamen Grundprinzip: Sie war primär darauf ausgelegt, den Körper in dem heißen Wüstenklima kühl zu halten, während sie gleichzeitig durch Drapierung, Stofffülle und Materialqualität den sozialen Stand des Trägers unmissverständlich anzeigte.


Das Nationalkleid: Die Evolution des Schurzes


Das unumstrittene Nationalkleid der Ägypter über alle Epochen hinweg war der Schurz. Das Stoffstück, aus dem er gelegt wurde, war stets rechteckig und bestand je nach Wohlstand aus grobem oder feinstem weißem Leinen (oft fälschlicherweise als Baumwolle bezeichnet). Befestigt wurde er mit einem Lendengurt oder durch geschicktes Schlingen um die Hüften.
Dabei galt eine strikte soziale Hierarchie in der Schnittführung:
Das einfache Volk und Sklaven: Die unteren Stände und Arbeiter trugen den Schurz eng anliegend und extrem kurz, um bei der Arbeit nicht behindert zu werden. Sklaven trugen oft nur das allernotwendigste Minimum zur Schamverhüllung.
Die wohlhabenden Stände: Vornehme Ägypter trugen den Schurz deutlich länger, reich in Falten gelegt und von aufwendigen Gürteln gehalten.
Im Laufe der Zeit entwickelte sich der Wickelschurz zu kunstvollen Variationen. Beliebt war es, den Stoff am Rücken fest um die Hüften zu schlingen und ihn auf der Vorderseite kaskadenförmig über den Gürtel herabfallen zu lassen. Diese Praxis führte im Neuen Reich zur Entwicklung eines zweiteiligen Schurzes: Er bestand am Rücken und an den Seiten aus einem halbkreisförmigen Gewebe, während die vordere Lücke durch eine steife Schürze in Form eines gleichschenkligen Dreiecks abgedeckt wurde, dessen Spitze am Gürtel fixiert war. Bei Soldaten diente diese versteifte Dreiecksschürze zusätzlich als schützender Unterleibspanzer.
Mit dem Beginn des Neuen Reiches (nach 1500 v. Chr.) wurde die Mode abwechslungsreicher und luxuriöser. Es kam ein dritter, knöchellanger Schurz auf, der wahlweise über oder unter dem kürzeren Erstschurz getragen oder gar doppelt übereinandergelegt wurde. Eine weitere Variante war ein langer Hinterteilsschurz, den man mit Hilfe eines Bandes unterhalb des Knies so geschickt zusammenfasste, dass er optisch der Form einer offenen Hose glich – obgleich echte Beinkleider wie Hosen der ägyptischen Modewelt über ihre gesamte Geschichte hinweg völlig fremd blieben.

Abbildung eines gefalteten Stoffteils, woraus der Schurz gelegt wird
Zusammengelegters Stoffteil für die Gestaltung eines Schurzes


https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Loincloth,_linen_-_Museo_Egizio,_Turin_S_8613_26_p01.jpg
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/f9/Loincloth%2C_linen_-_Museo_Egizio%2C_Turin_S_8613_26_p01.jpg
Museo Egizio, CC0, via Wikimedia Commons

Diese Abbildung zeigt ein dreieckiges Stofffragment aus dem ein Schurz gebildet wurde
Dreieckiges Stofffragment für Schurzbildung


https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Loincloth,_linen_-_Museo_Egizio,_Turin_S_8613_23_p01.jpg
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/39/Loincloth%2C_linen_-_Museo_Egizio%2C_Turin_S_8613_23_p01.jpg
Museo Egizio, CC0, via Wikimedia Commons


Die Kunst der Drapierung und die Kalasiris


In den glanzvollen Epochen des Neuen Reiches reichte der einfache Schurz den oberen Ständen nicht mehr aus; er sank zum reinen Untergewand herab. Die Vornehmen kleideten sich nun in umfangreiche, wallende Prachtgewänder aus kostbaren, transparenten Stoffen.
Sowohl Männer als auch Frauen trugen nun die Kalasiris – ein langes Gewand aus hauchdünnem Leinen, das mal einfach, mal doppelt übereinander angelegt wurde. Dazu kombinierten die Männer den gerafften Hinterteilsschurz, den sie vorn wie eine Schürze über die Schenkel ausbreiteten.


Die Raffung des Schulterflors

Zusätzlich schützten und verzierten sich die Männer mit verschiedenen Umwürfen. Neben dem klassischen, schmalen Umwurf des Altertums, den man von hinten über die Schultern legte und auf der Brust verknotete oder mit einer Agraffe (Schmuckspange) verband, kam ein breiter Kragen aus hauchdünnem Florstoff in Mode. Dieser Schulterflor wurde von hinten um die Achseln gelegt, auf Brust und Rücken kunstvoll gerafft und fixiert, sodass der Stoff an den Seiten wie Ärmel herabfiel.
Diese Florstoffe gaben den Würdenträgern Gelegenheit zu hochkomplexen Drapierungen:
• Variante A: Der Schulterflor wurde von hinten über beide Schultern nach vorne geführt und seitlich flach unter den Gürtel gesteckt, sodass die Enden frei über die Schenkel herabfielen.
• Variante B: Ein Flor von enormer Länge wurde mit seiner Mitte mittig auf die Brust gelegt. Die beiden langen Seitenteile führte man nach hinten, kreuzte sie im Nacken, legte sie über die Schultern wieder nach vorne und steckte die Enden schließlich im Gürtel fest.
Die höchsten Würdenträger in der Umgebung des Pharaos signalisierten ihren Rang zudem durch goldene Ketten oder eine vornehme Stoffbinde, die elegant von den Schläfen herabfiel. Der Oberrichter stach besonders hervor: Er trug eine charakteristische Feder im Haupt und eine tempelartig zugeschnittene, prachtvolle Brustplatte, in die die Hieroglyphen für „Wahrheit und Gerechtigkeit“ eingraviert waren.


Hygiene, Haartracht und falsche Bärte


Aus strikten hygienischen Gründen und zum Schutz vor der sengenden Sonne war es bei den ägyptischen Männern – mit Ausnahme der untersten Schichten – üblich, das Haupt komplett kahlzuscheren oder das Haar extrem kurz zu schneiden. Schon die Jugend musste sich dieser Prozedur unterziehen.

Diese Darstellung zeigt einen Barbier der die Haare schneidet, daneben eine Gruppe Männer, die wartet bis sie daran sind.

Quelle:
The Metropolitan Museum of Art, New York – Open Access (Public Domain


Der Schutz durch die Perücke



Zum Schutz des nackten Schädels trugen die Männer im Freien entweder Kappen oder aufwendige Perücken. Während Kaufleute einfache Kappen aus weißem Leinen nutzten, trugen die vornehmen Stände Kappen aus Leder oder Stoff, die kunstvoll gefärbt und mit bunten Streifen verziert waren.
Die Perücke etablierte sich vor allem nach der Fremdherrschaft der Hyksos als fixes Statussymbol. Sie wurde aus echtem Haar oder Pflanzenfasern hergestellt und zeigte meist tiefschwarze, dreieckige oder röhrenförmige Locken. Je nach Anlass wählte man schlichte, gekräuselte oder in feine Zöpfe geflochtene Varianten, die oft in einem voluminösen Nackenbusch endeten. Reliefs zeigen mitunter sogar Würdenträger, die aus Repräsentationsgründen zwei Perücken übereinander trugen.


Die Kultur der Kunstbärte


Parallel zum Scheren des Hauptes verschwand auch der natürliche Bart aus dem Straßenbild; die Männer trugen das Gesicht glatt rasiert. Da der Bart jedoch seit jeher als Symbol von Männlichkeit und göttlicher Würde galt, erfanden die Ägypter den falschen Bart. Diese künstlichen Bärte wurden im Alten wie im Neuen Reich in vielen Variationen getragen: Es gab schmale Riemenbärte um das Kinn, geflochtene Zopfbärte oder sogenannte Wickelbärte, die mit horizontalen Einschnitten versehen waren. Schon in den antiken Gräbern von Sakkara zeigen uns die Bildnisse der Vornehmen diese paradoxe Mode: Während der künstliche Kinnbart winzig klein und viereckig gehalten war, wies das Haar der Perücke auf demselben Kopf eine monumentale Fülle auf.


Die Entwicklung der Fußbekleidung


Der Mann aus dem Volk ging im alten Ägypten – genau wie in Teilen des ländlichen Raums der Moderne – zeitlebens komplett barfuß. Das Tragen von Fußbekleidung war über lange Zeit ein exklusives Privileg der wohlhabenden und vornehmen Stände.

Paar Sandalen aus der Periode: Neues Königreich Herrschaft von Amenhotep III


Das Barfuß-Tabu der feierlichen Handlungen



Interessanterweise gingen selbst die Könige und Priester in frühen Epochen bei den heiligsten Zeremonien im Tempel aus Gründen der rituellen Reinheit barfuß. So zeigen uns die Reliefs in Abu Simbel den Pharao im mächtigen Pschent-Ornat und mit der Streitaxt in der Hand, wie er barfuß auf dem heiligen Boden steht, während sein eigener Fächerträger hinter ihm wie selbstverständlich Sandalen trägt.
Die Fußbekleidung der Oberschicht bestand aus einer einfachen Sohle, die entweder aus gegerbtem Leder oder aus den getrockneten, geflochtenen Stauden der Papyrus- und Dattelpalme gefertigt wurde. Gehalten wurde die Sandale durch ein breites, oft mit glänzenden Metallplättchen verziertes Spannband über dem Fußrücken und einen schmalen Riemen, der aus der Lücke zwischen der großen und der zweiten Zehe direkt zur Mitte des Spannbandes verlief und dort festgenagelt oder vernäht war.


Der Wandel der Sandalenformen


Über die Dynastien hinweg erlebten die Sandalen einen markanten Modewandel:
Altes Reich: Frauen gingen im Alten Reich konsequent barfuß. Die ältesten Sandalenfunde aus der 4. Dynastie in Gizeh (Grab 86) zeigen ausschließlich Männer mit Fußbekleidung. Die Frauen des Alten Reiches verblieben meist im schützenden Innenraum der Häuser und Paläste, weshalb sie keine Sohlen benötigten.
Neues Reich: Hier änderte sich die Frauenmode grundlegend. Auch Frauen trugen nun Sandalen, die im Aufbau denen der Männer glichen, jedoch in ihrer Ausführung, den Mustern und den Goldverzierungen weitaus reicher und filigraner ausgearbeitet waren.
Die Spätzeit (19. bis 21. Dynastie): In dieser Epoche kamen, wie Darstellungen im Tempel von Medinet Habu und in Karnak eindrucksvoll beweisen, modische Sandalen mit langen, nach oben gebogenen Schnäbeln an den Spitzen auf, die sich über Jahrhunderte durchsetzten. Auf älteren Wandbildern, etwa in Abd el-Qurna oder El-Amarna, fehlen diese modischen Schnäbel noch völlig.

Der ptolemäische Kultureinfluss


Als Ägypten schließlich im Spätmittelalter des Altertums in die Hände der Ptolemäer – einer Herrscherdynastie makedonisch-griechischen Ursprungs – fiel, änderte sich das textile Bild des Landes radikal. Der griechische Einfluss sickerte so tief in die Alltagskultur ein, dass die Kleidungsweise der vornehmen Stände in Alexandria und den großen Zentren ihre typisch ägyptische Identität fast vollständig verlor und durch hellenistische Gewänder ersetzt wurde.

Hinweis zu den historischen Hintergründen: Die Fakten und Literaturquellen zu meinen Beiträgen findest du zentral auf der:
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